Nur ein Stück Brot

Sehr geehrte Damen u. Herren, im folgenden finden Sie die lesenswerte Geschichte “Nur ein Stück Brot”. Viel Spaß beim lesen!

Als der Professor Dr. Breitenbach gestorben war, gingen seine drei Söhne daran, das Erbe unter sich zu verteilen. So nahmen sie auch aus einem hohen Glasschrank Stück für Stück heraus.

Als die Brüder das unterste Fach öffneten, stutzen sie. In grauen Seidenpapier eingewickelt lag da ein ziemlich großes, hartes Stück. Was kam zum Vorschein? - Ein steinhart gewordenes halbes Brot!

Dia alte Haushälterin erzählte den erstaunten Söhnen die Geschichte dieses Brotes: In der schweren Notzeit nach dem ersten Weltkrieg(1914-1918) war der alte Herr einmal sehr krank gewesen. Zu der Erkrankung war ein allgemeiner Erschöpfungszustand getreten, so dass die behandelnden ärzte etwas von kräftiger Nahrung murmelten und dann entmutigt die Achseln zuckten. Gerade in jener kritischen Zeit hatte ein Bekannter ein halbes Brot geschickt.

Sosehr sich der Professor auch über diese Gabe freute, aß er sie doch nicht. Er wusste, dass im Nachbarhaus die Tochter des Lehrers krank war. Er sagte damals: ,,Was liegt schon an mir altem Mann, das junge Leben dort braucht es nötiger“, und so musste die Haushälterin das Brot den Lehrersleuten bringen. Wie sich später herausstellte, hatten auch sie das Brot nicht behalten wollen, sondern an eine alte Witwe weitergegeben, die in einer Dachkammer ein Notquartier gefunden hatte.

Aber auch damit war die seltsame Reise des Brotes noch nicht zu Ende. Die Alte trug es zu ihrer Tochter, die nicht weit von ihr mit ihren beiden Kindern in einer Kellerwohnung Zuflucht gefunden hatte.Diese Tochter wieder erinnerte sich daran, dass ein paar Häuser weiter der alte Arzt krank war, der einen ihrer Buben kürzlich bei schwerer Krankheit kostenlos behandelt hatte. Sie nahm das Brot unter den Arm und ging damit zur Wohnung des Doktors.

„Wir haben es sogleich wiedererkannt“, schloss die Haushälterin. ,,Als der Herr Professor das Stück Brot wieder in den Händen hielt und von dessen Wanderung hörte, war er tief bewegt und sagte: ,,Solange noch diese Liebe unter uns ist, habe ich keine Furcht um uns.“

Das Brot hat er nicht gegessen. Vielmehr sagte er zu mir: ,,Wir wollen es gut aufheben, und wenn wir einmal kleinmütig werden wollen, dann müssen wir es anschauen.“

Als die Haushälterin geendet hatte, schwiegen die drei Brüder lange Zeit. Endlich sagte der älteste:

„Ich denke, wir sollten das Brot unter uns aufteilen. Jeder mag ein Stück davon aufbewahren zum Andenken an unseren Vater und zur Erinnerung an jene verborgene Kraft, die den Menschen auch in der bittersten Not nicht verlässt.“

(aus: Zisler, K., Reischl, W., Perstling, H., Neuhold, H., Gruber, A. (1987).
Glaubensbuch 6. Im Glauben wachsen. Seite 96.
Graz: Interdiözesanen Katechetischen Fonds.)


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