„Holt der denn überhaupt Luft?“

Wie kann ich Podcasts zum Fremdsprachenlernen verwenden? Wer früher eine Fremdsprache in der Schule lernte, erlebte nicht selten einen Schock, als er zum ersten Mal im „echten Leben“ mit dieser Sprache konfrontiert wurde. Man war an die meist langsame, d

Dieser Artikel soll euch Ideen geben, wie ihr mit Hilfe von Podcasts aus dem Internet das Hörverstehen in einer Fremdsprache trainieren könnt. Wer sofort mit dem üben anfangen will, kann die Einleitung ruhig überspringen und gleich den Leitfaden lesen. Dort findet ihr auch Hinweise zu Internetseiten, auf denen Podcasts angeboten werden.

Die folgende Situation dürfte fast allen Fremdsprachenlernern bekannt vorkommen: "Wenn wir im Unterricht Spanisch reden, weiß ich meistens, was gemeint ist, aber die Spanier holen ja beim Sprechen nicht einmal Luft!" - Und dann sitzt man da und hat bei einem zweiminütigen Monolog gerade mal fünf Wörter verstanden. Und das soll schon Hörverstehen sein?

Die Antwort ist: Ja! Denn Hörverstehen beginnt nicht erst in dem Moment, in dem wir auf den Start-Knopf drücken, und es endet auch nicht, wenn wir die Lautsprecher ausschalten. Vorher und nachher passieren in unserem Kopf Dinge, die helfen, das Gehörte zu verarbeiten. Diese Prozesse im Gehirn kann man trainieren und so das Hörverstehen bewusst beeinflussen.

Dabei ist das Internet von großem Nutzen, denn mit seiner Hilfe können wir uns Informationen aus aller Welt – und damit auch in den meisten Sprachen – beschaffen. Und die breitgefächerten Angebote von Podcasts ausländischer Radiosender erlauben es uns sogar, Sendungen aus unseren eigenen Interessensgebieten auszuwählen.

Dieser Leitfaden kann euch helfen, mit solchen auf den ersten Blick sehr schwierigen Informationsquellen umzugehen. Auch relative Anfänger werden hier schon erste Erfolge erzielen, wenn sie sich nur bewusst machen, dass ihre Ansprüche an sich selbst niedrig nicht zu hoch sein dürfen! In den ersten Wochen ist es schon eine Leistung, wenn ich nach dem Hören des Beitrags auf die wichtigsten W-Fragen antworten kann: Wer sind die Personen, um die es geht? Wo ist das beschriebene Ereignis geschehen und wann?

Leitfaden zum Lernen mit Podcasts

Schritt 0:

Ich wähle mir einen Beitrag aus, dessen Thema mich interessiert. Oft können schon der Titel, die Stichworte zur Sendung oder Fotos, die manche Radio-Seiten veröffentlichen, Aufschluss über den Inhalt geben. Fortgeschrittene können sich den Beitrag auch jetzt schon zum ersten Mal anhören, um das Thema herauszufinden.

Der Beitrag sollte kurz sein, da sonst aus der Hörverstehensübung schnell eine anstrengende Gedächtnisübung wird. Deshalb sind zwei bis drei Minuten die Obergrenze. Online-Radio (Livestream) ist für diese Methode nicht geeignet, da man die Beiträge nicht anhalten oder wiederholen kann.

Geeignete Podcasts finden sich zum Beispiel hier:

Englisch: http://www.bbc.co.uk/podcasts

Französisch: http://www.radiofrance.fr/boite-a-outils/podcast/

Spanisch: http://www.rtve.es/radio/podcast/

Portugiesisch: http://www.rtp.pt/play/podcasts

Deutsch als Fremdsprache: http://mediacenter.dw.de/german/podcasts/

Schritt 1:

Ich lese ein bis zwei Texte in der Zielsprache, um mich über das gewählte Thema zu informieren. Für diesen überblick sind, je nach Thema, zum Beispiel Online-Ausgaben von Tageszeitungen oder auch die Artikel in Wikipedia geeignet. Wenn ich wenig über das Thema weiß, kann ich zunächst auch Basisinformationen in meiner Muttersprache suchen, um anschließend fremdsprachliche Texte zu lesen.

Anschließend sammle ich anhand dieser Texte und mit Hilfe eines Wörterbuchs Wörter und Ausdrücke, die für das gewählte Thema wichtig sind. Diese Wörter und Satzbausteine notiere ich auf einem Blatt und lasse dabei Platz für Ergänzungen.

Schritt 2:

Ich formuliere Erwartungen an den Beitrag:

a) Welche Wörter werde ich möglicherweise hören? Dabei vervollständige ich die Liste aus Schritt 1.

b) Welche Inhalte erwarte ich? Hier helfen Fragen wie: Wer könnte mit wem über welches Thema sprechen? Welche Orte könnten erwähnt werden? Welche Konflikte werden möglicherweise behandelt? Welches Ereignis wird wahrscheinlich kommentiert?

c) Welche Aspekte des Themas interessieren mich persönlich? Was möchte ich Neues erfahren?

Diese Erwartungen notiere ich in Stichworten und Satzbausteinen unter den Wörtern aus Schritt 1. Dabei benutze ich so oft wie möglich die Zielsprache.

Schritt 3:

Jetzt höre ich mir den Beitrag zum ersten Mal vollständig an und versuche meine Notizen aus Schritt 1 und 2 herauszuhören. Alles, was ich gehört habe, markiere ich. Wenn ich bereits hier zusätzliche Informationen bekommen habe, notiere ich diese auf demselben Blatt.

Schritt 4:

Nach dem ersten Hören überprüfe ich meine Hypothesen aus Schritt 2: Habe ich die erwarteten Inhalte wiedererkannt? Ist ein unerwarteter Aspekt aufgetaucht? Kann ich bestimmte Ideen aus Schritt 2 schon völlig ausschließen?

Und: Welche anderen Teilaspekte scheinen vorgekommen zu sein? Welche Wörter könnten dabei erwähnt werden?

Möglicherweise muss ich hier noch einmal nach Informationen suchen: Wenn ich zum Beispiel einige Ortsnamen herausgehört habe, schaue ich mir jetzt eine Landkarte an, um herauszufinden, was es mit diesen Orten auf sich haben könnte.

Wenn ich meine Erwartungen und Ideen neu formuliert habe (auf demselben Blatt, aber möglichst mit einer anderen Farbe), höre ich mir den Beitrag ein zweites Mal an.

Schritt 3 und 4 können mehrmals wiederholt werden. Aber Achtung: es geht nicht darum, am Ende jedes einzelne Wort zu verstehen! Je nach Art der Sendung habe ich auch in meiner Muttersprache unterschiedliche Interessen: Wenn ich zum Beispiel am Wochenende nach Hamburg fahren will, höre ich beim Wetterbericht auch erst dann aufmerksam hin, wenn ich Stichworte wie „Küste“, „Nordsee“ oder „Samstagmorgen“ höre. Bei „Donnerstag“ und „Bayern“ ist meine Aufmerksamkeit dagegen gering. Trotzdem habe ich am Ende die für mich aktuell notwendigen Informationen erhalten!

Schritt 5:

Vor dem letzten Hören stelle ich mir selbst konkrete Fragen, deren Antworten ich in dem Beitrag vermute. Diese Fragen können zum Beispiel folgendermaßen aussehen:

· Ich habe die Worte „fünftausend Euro“ herausgehört. Was hat es damit auf sich? Was kostet 5000 €, wer hat dieses Geld bekommen oder wer muss es wofür bezahlen?

· In dem Beitrag hat ein Herr Joachim Schmidt Informationen über die Stadt Göttingen gegeben. Welche Funktion hat Herr Schmidt? Arbeitet er für die Stadtverwaltung? Die Touristen-Information? War er als Tourist in Göttingen?

· Ich habe etwas von einem Stau auf der A 7 gehört und die Orte Fulda und Kassel verstanden. In welcher Richtung der Autobahn ist der Stau und wie lang ist er?

Schritt 6:

Ich höre mir den Beitrag ein letztes Mal an und versuche, Antworten auf meine Fragen zu notieren.

Schritt 7:

Mit Hilfe meiner Notizen schreibe ich auf, was ich erfahren habe. Auch hier formuliere ich soweit wie möglich in der Zielsprache. Bei dieser Zusammenfassung kann ich auch die Texte aus Schritt 1 zur Hilfe nehmen. Dieser letzte Arbeitsschritt ist wichtig, um das Gehörte noch einmal zu strukturieren. Sowohl Wortschatz, als auch Inhalt bleiben dann wesentlich besser im Gedächtnis und helfen damit, beim nächsten Versuch noch ein kleines bisschen mehr zu verstehen.

Ganz wichtig ist bei allen Schritten, dass wir uns darauf konzentrieren, was wir herausgehört haben, und nicht darauf, was wir nicht identifizieren können! Möglicherweise habe ich als relativer Anfänger beim ersten Anhören einer Radiosendung nur die Begrüßung durch den Moderator, eine Zahl und drei Ortsnamen herausgehört. Aber auch das ist eine Leistung! Denn dabei hat mein Gehirn gezeigt, dass es aus einer Aneinanderreihung von fast unbekannten Lauten, zwischen denen der Sprecher kaum eine Pause macht, einzelne Wörter herausfiltern kann. Beim nächsten Versuch kann ich dann schon einige Wörter aus meiner Liste identifizieren und beim letzten Durchgang habe ich einen groben überblick über den Inhalt der Sendung bekommen. Und das ist, gerade für einen Anfänger, schon mehr, als wir uns beim allerersten Anhören erträumt hätten!


BLips #1
28.08.2012 10:12
Übrigens: Wer diese Methode ausprobiert hat, ist herzlich eingeladen, hier einen Kommentar zu hinterlassen und von seinen Erfolgen und/ oder Schwierigkeiten zu berichten. So können auch andere von den Erfahrungen profitieren!